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Der Berliner Gaettong Drucken

Der Berliner GaettongEin Stück nach der Vorlage von Sanneumeo Gaettong von Kyong Hwa Kim
von Marcus Braun

Regie: Alexis Bug
 
Am 13.11. und 14.11., jeweils um 20:00 Uhr im Fleetstreet Theater, Admiralitätstraße 71, 20459 Hamburg
 
"Der Berliner Gaettong" von Marcus Braun ist ein deutsch-koreanisches Schauspiel mit Menschen und Puppen für Erwachsene und Jugendliche. Es basiert auf dem koreanischen Mythos Sanneumeo Gaettong und spiegelt das Teilungsschicksal zweier Völker wider. Nach umjubelten Aufführungen in Korea feiert "Der Berliner Gaettong" als erstes koreanisches Gastspiel an der Volksbühne seine Deutschlandpremiere und ist nun im Fleetstreet Theater Hamburg und zum Abschluss der Tournee beim 7. Festival Politik im Freien Theater in Köln zu sehen. Diese deutsch-koreanische Zusammenarbeit ist mit Hilfe des Goethe-Instituts in München und Seoul entstanden

Inhalt

Das Stück Der Berliner Gaettong beginnt zum Zeitpunkt des Mauerfalls in Berlin. Die Wogen der
momentanen Begeisterung haben sich schon bald nach dem Mauerfall gelegt und wegen des
Unterschieds zwischen Arm und Reich entstehen Konflikte zwischen den Ost- und Westdeutschen. Den
westdeutschen Michel, der plötzlich am Ort der großen Umwälzung steht und der Armut der ostdeutschen Bevölkerung gewahr wird, überkommt ein Überlegenheitsgefühl. Bald erliegt er der Verführung der ‚ostdeutschen Braut’. Die ‚Alte’, die auf der Suche nach ihrem Mann ist, gerät mit der ostdeutschen Braut in Streit und fällt tot um. Das Monster, das ein mit Hammer und Sichel bemaltes T-Shirt trägt, verliert die Wette mit Michel und wird vertrieben. Gaettong wird angerufen und er erweckt die Alte wieder zum Leben. Das Monster erscheint nun als Grenzsoldat und frisst Michel, die ostdeutsche Braut und alle anderen Puppen auf. Damit endet das Stück. Im Nachspiel ruft die Alte Gaettong an, und er besiegt mit Hilfe des Publikums das Monster. Es stößt alle Puppen aus dem Bauch aus und sie erwachen wieder zum Leben.
Inszenierung

„Der Berliner Gaettong“ ist ein modernes Volkstheater mit Menschen und Puppen, das über charakteristische Stil- und Ausdrucksmittel verfügt. Im Zusammenspiel von Akteur und Puppe kann der Spieler seine Figur zum Beispiel von Außen betrachten, dann findet eine Dis-Identifikation statt und die Handlung wird verzerrt dargestellt. Ebenso kann der Spieler in seine Puppe hineinschlüpfen und eins werden mit ihr, oder er spielt unbepuppt, tanzt und singt. Die Mittel folgen der inneren Logik des Materials, die im Zusammenspiel von Autor und Ensemble entsteht. Erscheint ein Monster auf der Bühne oder ein ganzes Volk, werden die Möglichkeiten der Animation ausgespielt, in der ersten zarten Begegnung zwischen Hase (deutscher Michel) und Blume (Braut) erhält der Animationseffekt eine poetische Dimension, kommt es zum Vollzug des Geschlechtsaktes zwischen dem Michel und der Alten, führen die Darsteller ein gelangweiltes Puppen-Doktorspiel auf. Im existentiellen und brutalen Wortgefecht zwischen Braut, der Alten und dem Michel stehen sich die Darsteller ohne Puppen schutzlos gegenüber. Der anschließende Kampf wird als Pas de Deux von Preisboxer und Primaballerina interpretiert. Am Ende spricht Gaettong seine reinigenden Formeln und hört auf, Theater zu spielen. Die Darsteller verlassen als Menschen - gewissermaßen nackt – den Bauch des Monsters. Diese letzte Szene steht exemplarisch für meinen ästhetischen Ansatz, der davon ausgeht, dass jedem Schauspieler ein persönlicher Wesenskern, eine individuelle Wahrheit innewohnt, die es zu erkennen gilt.

Presse


Das ist grandioses Theater - aber eben mal ganz anders (Jan Knopf)

Dieses Stück wird bleiben (The Korean Theatre Journal)

[...] Wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahren zahlreiche Theaterstücke entstanden sind, die
zwar die Interkulturalität propagieren, aber bei näherem Hinsehen kaum erkennen lassen, wie sich
diese künstlerisch manifestiert, hat das Stück Der Berliner Gaettong trotz und wegen seiner Einfachheit
ein wirklich interkulturelles Gleichgewicht hergestellt. Das ist ein außergewöhnliches Ergebnis.
[...] Beeindruckend ist aber vor allem, dass dieses Stück in diesen Tagen, in denen Theateraufführungen in luxuriöser Aus-stattung nur eine seichte abendliche Unterhaltung bieten und sich schnell verbrauchen, Möglichkeiten aufgezeigt hat, der Kommerzialisierung und etablierten Ästhetik entgegen zu wirken und wieder schlichtes Theater zu machen. Die Bühne besteht aus einigen einfachen Trennwänden. Die Zuschauer können sich ohne Ablenkung auf das Geschehen konzentrieren und einfach genießen: die billigen Schaumstoffpuppen, das riesige Maul des Monsters als theatralische Phantasie, ungehemmte Obszönitäten und satirische Aussagen, die Schauspielkunst der virtuos mit Puppen agierenden, singenden und tanzenden ungeschminkten Darsteller, den kritischen Widerstandsgeist gegen die Wirklichkeit und Geschichte. [...] Nach seiner animalischen Rettungsaktion mahnt der wie ein Hippie aussehende Gaettong: „Aber wenn der Mensch ein Einzelner bleibt / kann er widerstehen. / Wenn wir die Einheit finden in uns / können wir widerstehen.“ Für Koreaner, die wir immer das „wir“ über das „ich“ stellen, ist dies eine bedeutungsvolle Aussage.
aus: The Hankyoreh - daily news (Auflage: 400.000 Ex.) 17. 01. 2008, Seoul / Korea. (Die Zeitung wurde 1988 nach deutschem taz-Vorbild gegründet)

[...] Nicht nur die Aussage des Textes, die wir inhaltlich zu Herzen nehmen sollten, sondern auch das
theatralische Spiel mit dem Text erheitert uns nichtsdestoweniger. Die sehr konzentrierten Spielszenen, in denen auch optisch die Elemente der Animation dominieren, werden von einem ganz eigenen Rhythmus und großer Theatralität getragen. Die Spielszenen und das Agieren der STT-Schauspieler mit den Schaumstoffpuppen, die sich durch die grobe Anfertigung und Bemalung auszeichnen, sind sehr emotional. Die z. T. grotesken Puppen und das witzig-schlaue Agieren der Schauspieler mit ihnen und allein bilden eine harmonische Einheit und steigern somit den satirischen Effekt der Aufführung. [...] Mi-Sook Kim als Alte und Seung-Hun Lee als Michel bilden den Kern des Spiels und führen virtuos das ganze Ensemble-Spiel. [...] Die Figur des Helden Gaettong ist erfrischend und zugleich schockierend. Als Retter Deutschlands und der Menschheit tritt er wie ein Rock-Sänger auf. Er zeigt seinen entblößten Oberkörper und trägt eine langhaarige Perücke und eine Lederhose mit einer Kette am Gürtel. Sein Äußeres erinnert so gar nicht an einen Wahrheitssucher oder Eremiten. Vielleicht ist er in der neuen Zeit, in der die Zuversicht an den Diskurs über makrokosmische Themen verloren gegangen ist, ein neuer Typus Retter. Wenn er am Ende mit der Aussage „Aber wenn der Mensch ein Einzelner bleibt / Kann er widerstehen“, auf die Gefahr der „organisierten Welt“ hinweist, dabei aber zunächst „verdammte Scheiße Leben“ noch bejaht, erreicht die explosive Energie des künftigen Retters die Zuschauer unmittelbar. [...] aus: The Korean Theatre Journal, The Korean Association of Theatre Critics (Auflage: 30.000 Ex., führendes koreanisches Theatermagazin), 48/2008, Spring; 01.03.2008., S. 82-87.

[...] Dieses Stück ist ein totales Theater, das sich durch die kurzen, aber bedeutungsvollen Dialoge,
verschiedene Songs und Tänze und die Vorzüge des Schaumstoffpuppentheaters auszeichnet. [...]
Die musikalischen Einlagen stehen auf der Traditionslinie der Song-Kultur, die Bertolt Brecht und Kurt
Weill mit der Dreigroschenoper (1928) eingeführt haben, und interpretieren die dramatische Handlung
auf einer höheren Ebene. Wenn aber Lieder wie Wenn ich in deine Augen sehe (Text: H. Heine /
Melodie: Robert Schumann, 9. Bild) und Mondnacht (Text: J. v. Eichendorff / Melodie: Robert Schumann; Ende des 13. Bildes) erklingen, wird die Spielhandlung in eine lyrische Ebene gehoben. [...] Das herausragende Spiel von Seung-Hun Lee als Michel und Mi-Sook Kim als Alte bilden den Kern der Aufführung und die beiden führen virtuos das ganze Ensemble-Spiel. [...] Das lebendige Spiel der jungen Schauspieler wirkte sich belebend aus. Die perfekte Diktion und kräftige Aktion von Won-Il Seok als Gaettong und der Tanz und Gesang von Jun-Jeong Lee als ostdeutsche Braut ziehen das Publikum in Bann. Sie alle haben den Schaumstoffpuppen Leben eingehaucht und die agierenden Schauspieler und die Puppen bilden eine einzige Einheit. Das Spiel, das eine Stunde und zehn Minuten dauert, ist voll von Spannung und Spaß. Aber dieses Stück ist auf keinen Fall eine oberflächliche Komödie, bei der man nur einmal herzhaft lachen kann. Anders als in vielen deutschen Dramen sind die Dialoge dieses Stücks nicht ausschweifend und lang, sondern kurz und bündig. Aber die Botschaft des Textes regt uns zum Nachdenken an. Da nach der Wende so viele literarische Werke, Filme und Dokumentationen über die Wiedervereinigung entstanden sind, ist das Thema schon gewissermaßen abgenützt. Dank seiner hohen literarischen Qualität wird aber Der Berliner Gaettong als Parabel lange überleben. [...] aus: Vierteljahresschrift Bonjil & Hyeonsang (= Wesen und Schein), Nr. 11/2008 Spring; 1. 03. 2008, Institute of freedom culture, Korea., S. 303-310.
11-11-2008 00:44 2sN Admin
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